Ein brüchiger Frieden
urz war der Sommer des Jahres 7517, doch voller Freude und Hoffnung brachten die Bauern ihre Ernte ein, bis, ja bis die Opoltschenije vom Großfürsten erneut einberufen ward. Im Nojabr, so war es vereinbart, lief der Waffenstillstand mit den Schoda Schwong und den Blundar Dongan ab – die anderen Stämme hatten sich eh nicht drum geschert, dem großen Mütterchen sei dank waren die Wölfe jedoch zu schwach, um allein in Lesskamen zu kämpfen.
Und so zogen erneut düstere Wolken am Himmel Bjelawas auf, doch als das Heer bei Hirschfurt anlangte, war von den Orken nicht viel zu sehen. Einzelne kleine Trupps durchstreiften den Wald jenseits der Granitza, doch nichts deutete darauf hin, dass die Orken einen erneuten Wettstreit um Hirschfurt, wie se es genannt hatten, wünschten. Und als der Winter sich erneut viel zu früh und mit reichlich Schnee ankündigte, da entließ der Großfürst sein Bauernheer und vertraute der wiedererstarkten Wacht der Granitzen und des Ordens. Hirschfurt war indessen zu einem steinernen Bollwerk geworden, einer Zwingburg, die in Bjelawa ihresgleichen suchte. Von weit her, durch das steinerne Tor, den ganzen Fluß herauf, waren hunderte von Lastkähnen mit Steinen und Bauholz in die enge Altaja eingefahren, um Hirschfurt auszubauen. Vielleicht hatte diese Machtdemonstration, diese Festungsbaukunst, welche von zwergischen Meistern aus dem Auslande geleitet war, die Orken zurückschrecken lassen? Oder warnten auch ihre Schamanen, so wie es auch die Kirche des Großen Mütterchens noch immer tat, vor einem neuen Waffengang?
Schon fühlten sich einige junge Rekruten allzu sicher, als hier und da erneute Geplänkel in der eisigen Weite und den im Schnee erstarrten Wäldern aufflammten, die bewiesen, dass die orken sehr wohl noch da und mit ihnen zu rechnen sei – allein das große Heer, mit dem der Fürst gerechnet blieb aus.
So verging der Winter und das Jahr 7518 brach an, und voller Ungewissheit frugen sich die einfachen Leute, welche Unbill oder auch Freude ihnen dasselbe bereiten möge.
Im Frühjahr als das Eis auf der Altaja gebrochen, der Schnee geschmolzen, die Felder bestellt und die Saat ausgebracht war, da berichteten nun die verwegensten Späher, die sich tief in das Gebiet Wostotschnajas vorgewagt hatten, dass sie von ferne ebenfalls steinerne Wälle gesehen hätten, die entweder einer Festung oder gar einer Stadt gehörten, konnten jedoch nichts genaueres berichten. Wilde Vermutungen nun machten die Runde über ein Orkstadt oder ob man etwa die alte Hauptstadt Wostotschnajas entdeckt habe, das alte Altynnsk und das jetzt von Orken bewohnt sei.
Doch ein ganz anderer Schlag sollte Bjelawa treffen, als es die eifrigsten Kassandrarufer vermutet hätten. Dimitri Budilkewitsch Krimsibirskow, der alte Reichskanzler, einst eine treue Stütze des Reiches und in seiner Jugend ein vortrefflicher Recke starb, als in Bjelograd die Kirschbäume blühten. Wunderlich war er auf seien alten Tage geworden, hatte er doch überraschend eine viel jüngere Frau mit wie man munkelte recht zweifelhaften Ruf aus einem fast ausgestorbenen Adelsgeschlecht geehelicht. Und obwohl der Alte noch einmal aufzublühen schien, war der Verbindung wohl kein allzugroßes Glück beschieden, denn seine Gattin begab sich immer öfter auf Reisen und schien Bjelawa im Jahre 7516 sogar verlassen zu haben. man munkelt, des Greisen Herz sei darob schier geborsten und einsam und kraftlos starb der alte Krimsibirskow schließlich und ließ den Großfürsten, seinen Herrn in Sorge zurück, verlor er doch einen seiner treuesten Vasallen.
Die Wahl eines neuen Reichskanzlers im Seijm, dem Adelsparlament in dem jedes Familienoberhaupt eines Geschlechts der Szlachtizen Bjelawas eine Stimme hat, muss immer einstimmig erfolgen und Nikolai wusste, dass es Monate dauern würde, bis ein neuer Reichskanzler bestimmt sein würde.
Mit einer feierlichen Zeremonie wurde der Leichnam in Bjelograd aufgebahrt und einbalsamiert um schließlich mit einer Prozession in sein kleines Heimatdorf verbracht zu werden, um daselbst, wie es der Alte gewünscht hatte, in geweihter Erde nahe seines alten Gutshofes bestattet zu werden. Lang zog sich die Prozession durch das bjelawischen Land, denn der alte Krimsibirskow war beim Volke beliebt gewesen, das nun Abschied nehmen wollte von Väterchen Dimitri.
Dem Großfürsten blieb nichts anderes übrig, als derweilen in Bjelograd zu verbleiben und sich den Regierungsgeschäften zu widmen. An eine neue Kampagne gen Wostotschnaja war vorerst nicht zu denken, denn des Fürsten Thron stand noch nicht wieder sicher genug, dass er ohne einen treuen Vasallen in Bjelograd hätte lange fernbleiben können.
So ging der Sommer ins Land und Mütterchen Bjelawa belohnte die Menschen mit einer reichen Ernte nach dem kargen Jahr zuvor und allerorten wurden die Scheunen und Speicher zu bersten gefüllt. Auch an der grenze blieb alles ruhig und nur wenige Orktrupps wurden gesehen. Scharmützel gab es allenthalben, doch die hatte es immer gegeben. Dem mißtrauischen Fürsten wurden jedoch Berichte zugetragen, dass die Schamanen ihre Krieger offenbar von einem erneuten Angriff abhielten. Hatten die Schwarzpelze etwa andere Pläne? Wollten sie gar Frieden? Oder heckten sie nur einem besonders teuflischen Plan aus?
Dem Volke war derlei Kalkül fremd und während sich in den Amtsstuben des KGB so manche Stirn zweifelnd in Falten legte, blühte Bjelawa in einem Sommer des Friedens.
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