Vom Winterkriege
ach dem schrecklichsten Gemetzel, das Bjelawa in den letzten dreihundert Jahren gesehen haben mag, der Schlacht vom Roten Hügel bei Hirschfurt im Jahre 7516 waren beide Seiten zu erschöpft, um weitere Vorstöße zu unternehmen. Und doch lagen sich die Heere der Orken und Menschen noch fast in Sichtweite gegenüber. Während das bjelawische Bauernheer, die Opoltschenije sich zurückzog, um die überfällige Ernte zu retten und das Korn zu dreschen, verschanzten sich die Granitzen, die stehenden Grenztruppen des Großfürsten bei Hirschfurt, um den Orken weiterhin die Stirn zu bieten. Das Heer der Berittenen des Ordens und seiner Fußsöldner machte sich derweil zu den verlassenen Bergfestungen des Passes der alten Handelsstraße zwischen Bjelograd und Wostotschnaja auf, um zu verhindern, dass die Orks auf selbiger nach Maronia eindrangen. Weise war diese Voraussicht des Feldherrn, Nikolai II., doch außer einigen Spähtrupps trafen die Ordensritter niemanden an, doch hielten sie Wacht und verstärkten die alte Wehr, die nur von wenigen Granitzen noch bemannt war.
Um Hirschfurt nun entspann sich eine der seltsamsten und grausamsten Kampagnen, die Bjelawen und vielleicht die ganzen Mittellande je erlebten. Während sich die Menschen in einer langen Reihe von Feldlagern und Wachtposten zwischen den Ruinen der Stadt Hirschfurt über den Roten Hügel bis hin zu den unwegsamen zerklüfteten Kuppen des Kammes des Lesskamener Waldes einrichteten, fingen die Orken, ganz entgegen jeder bekannten Gewohnheit ebenfalls an, Feldlager zu errichten, wobei sie das Dickicht des Waldes jenseits von Hirschfurt weidlich zu nutzen verstanden. Gleichzeitig umgaben die Menschen die Ruinen der Stadt mit einem Ring von Bewachern um die letzten in der Zitadelle verschanzten Grimbradz auszuhungern, doch sobald sie der Feste zu nahe kamen, empfing sie jeden Tag aufs neue ein Hagel von Pfeilen und Brandgeschossen. Offenbar gelang es den Orken sich des nachts durch den Fluss oder auf welchem Wege auch immer zu versorgen und neue Verteidiger in die Feste zu bringen.
Bereits wenige Tage nach der Schlacht setzte der gefürchtete bjelawische Herbstregen ein und Feld und Wege verwandelten sich in ein unpassierbares Gewirr aus Schlamm, Dreck und Feldsteinen. Die Granitzen begannen Holz zu schlagen, um feste Unterkünfte zu bauen, doch die Orken waren wachsam und griffen ihrerseits die Trupps der Holzfäller an, so dass sich an jedem Tage ein verlustreiches Geplänkel von Spähtrupps entwickelte. Oft bis zur Unkenntlichkeit mit Schlamm, Moos und Blättern bedeckt, lauerten kleine Abteilungen von Bogenschützen und Schwertkämpfern im Walde einander auf und massakrierten alle Feinde, derer sie habhaft wurden. Pardon wurde nicht gewährt. Nachschubtransporte, Lebensmittellager und Flusskähne, jeder Holzfäller und Handwerker, Jäger oder Reisende musste eskortiert und bewacht werden. Schließlich entschlossen sich die Menschen, eine zusammenhängende Palisade zu bauen, die ein Eindringen der orkischen Spähtrupps ins Hinterland vermeiden sollte. Doch es mangelte an Hölzern, die nur unter Verlusten hätten dem orkverseuchten Walde entrissen werden können, und der Transport von Holz aus dem Hinterlande war angesichts des Schlammes bei weitem zu mühsam. So fingen die Bjelawen in ihrer Not an, Gräben auszuheben und selbige mit Holz auszubauen (es heißt, dass einige Zwerge unter den Konstrukteuren gewesen sein sollen). Selbige wurden entweder mit Grassoden überdeckt um als Fallen zu dienen oder offen gehalten und mit Wachposten besetzt. Gleichzeitig ließ der Fürst gewaltige Katapulte und Belagerungsmaschinen bauen, die begannen, Geschosse und brennende Strohballen in den Wald zu den Orken zu schleudern. Späher kundschafteten aus, wo sich Lager der Orks befanden und halfen beim Finden der Ziele im undurchdringlichen Walde. Doch die Orken taten es den Menschen bald nach und schon bald schlugen fast täglich Steine, zugespitzte Speergeschosse oder Brandsätze in den Lagern der Menschen ein und forderten so manches Opfer. Immer mehr Lager, Werkstätten, Unterkünfte und Lazarette wurden anstatt oberirdisch in den weichen Boden gegraben und mit Erde bedeckt, doch Wasser und Fäulnis allenthalben waren der Preis und auch Ratten ließen sich immer häufiger blicken. In diesen elenden Verhältnissen begannen die Bjelawen alsbald zu murren und aufzubegehren und nur die alltägliche Todesgefahr aus dem Walde, wo die Blundar Dongan und die Schoda Schwong lauerten, vermochte sie von einer Meuterei abzuhalten. Auch brachen Seuchen aus und oft lag fast ein Fünftel der Krieger siech auf dem fauligen Stroh ihrer Lager.
In jenen verzweifelten Wochen ermunterte jedoch ein Ereignis die wackeren Verteidiger Bjelawas. Die bis dahin uneinnehmbare Zitadelle von Hirschfurt konnte endlich erstürmt werden. Ein geheimer Tunnel, wann immer er gegraben worden sein mag, hatte die orkischen Verteidiger immer aufs neue mit Vorräten und Waffen versorgt, doch als der Regen wochenlang fiel und die Pferde bis an die Bäuche im Schlamm versanken, da stürzte der Tunnel ein und ein Aufgebot beherzter Kämpfer nahm unter großen Verlusten die Zitadelle ein. Kein einziger der Orken ergab sich. Endlich wehte die Flagge des Großfürsten wieder auf dem alten Turm und gab den Streitern neue Zuversicht.
Noch war das Feuer der Feind der eingegrabenen Kämpfer auf beiden Seiten, wenngleich die Brandsätze und Strohballen bei der Nässe keinen allzu großen Schaden anzurichten vermochten. Doch bald sollte das Feuer wichtiger als alles andere für das Überleben werden, denn Väterchen Frost begann Bjelawa heimzusuchen und alsbald war die bjelawische Erde hart gefroren wie Stein. Die Truppen drängten sich um die Lagerfeuer und an den Ausgaben für die Winterkleidung, die aus der fernen Hauptstadt beschafft worden war. Nun witterte der Großfürst seine Chance. Unter größtmöglicher Geheimhaltung wurde der Sturm auf die Schanzen der Orken im Wald vorbereitet, die Wurfmaschinen geladen, die Truppen nahe der Gräben postiert. An einem eiskalten Morgen des zweiten Dekabrtages sollte der Sturm beginnen. Doch Mütterchen Bjelawa wollte es anders. In der Nacht zuvor begann es zu schneien, ein heftiger Schneesturm fegte finstere, schwere Wolken übers Land, die ihre Last unaufhörlich auf Wald und Feld schneien ließen, so dass am Morgen an einen Angriff durch den fast hüfttiefen Schnee nicht mehr zu denken war. Wütend schnaubte der Fürst in seinem Stabszelt, wütend und mit zusammengebissenen Zähnen schaufelten die Granitzen ihre Gräben und Unterkünfte frei und bereiteten sich auf einen bitteren und langen Winter vor.
Und bitter und lang ward dieser Winter! Frost und Schnee kannten selbst für bjelawische Verhältnisse kein Maß und ganze Wälder mussten die Truppen des Fürsten niederhauen für Brennholz, nur um in der eisigen Kälte nicht umzukommen. Aus jenen Tagen, Wochen, ja Monaten sind schreckliche Dinge überliefert, die dem Zuhörer das Blut in den Adern gefrieren lassen, so dass selbst die Barden sich scheuen von ihnen zu singen. Kleine Trupps gruben Stollen in den Schnee, um den Gegner zu überraschen, Fallgruben voller Eiszapfen wurden ausgehoben. Die Wurfmaschinen schleuderten riesige lederne Häute voller mühsam geschmolzenen Wassers auf den Feind, der wenn er getroffen, dem schnellen Erfrierungstode durch die Nässe anheimfiel. Speerschleudern wurden mit Eiszapfen bestückt. Entsetzlich waren die Not und das Gemetzel und keiner der Toten, die das grausige Wüten auf beiden Seiten forderte, konnte begraben werden, so dass alsbald Geister ihr Unwesen zu treiben begannen. Die schrecklichsten Gegner der Bjelawen waren jedoch die Eisgolems, die hier und da von den Orken herbeigerufen wurden und gegen die es keine Abwehr gab, außer sie in Feuer zu schmelzen oder magisch zu verbannen. Nicht wenige Männer gingen hinaus in den Schnee, um zu sterben, denn der Tod schien ihnen ein besseres Los als das Leben in dieser schrecklichen Zeit. Doch auch bei den Orken regierte der Tod. Späher berichteten von grausigen Szenen in den Lagern der Orks, von Streit um Brennmaterial, ja sogar Kannibalismus. Dennoch wichen die Schwarzpelze nicht.
Doch der Frühling musste nah sein und die Heere hielten aus. Tag um Tag, Woche um Woche und der April brach an, doch noch immer hatte Mütterchen Bjelawa kein Erbarmen mit ihren Kindern und Väterchen Frost hielt das Land in eisigem Griff gepackt. Erst im Mai wichen Schnee und Eis langsam, doch das Wetter blieb kalt und der Schlamm und die Fäulnis und die Seuche kehrten zurück.
Viele Granitzen begannen zu desertieren und Bestrafungen waren an der Tagesordnung. Verzweifelt beriet der Fürst mit seinen Heerführern, was zu tun sein, doch ein Angriff auf die Orken ohne frische Truppen glich immer mehr einem Akt der Verzweiflung. Und dann, als ob des Fürsten Rückhalt nicht bereits genug geschwunden sei, fiel auch noch die Kirche von ihm ab. Es sei nicht Mütterchen Bjelawas Wille, dass noch länger gestritten werde zwischen Menschen und Orken, teilte der Patriarch von Bjelograd mit und hieß seine Priester aus dem Lager des Fürsten abziehen. Auf die Frage des wütenden Regenten, ob die Orks dies auch wüssten, hob der Abgesandte nur abweisend die Hand und sich von hinnen. Stimmen wurden nun laut, die Absetzung des Gorynow zu verlangen und den Sejm einzuberufen, ein wahrhaft unerhörter Vorgang, der seinesgleichen in hunderten Jahren nicht hatte.
Und während der Fürst an zwei Fronten um Land und Thron zu kämpfen begann, begab es sich, dass die Orken einen Abgesandten zu Nikolai, dem Großfürsten schickten. Ein orkischer Gesandter! Und als ob dies allein noch nicht wunderlich genug sei, war wohl ein jeder baß erstaunt ob seiner Botschaft für den Fürsten:
Der Wettstreit um den Besitz Hirschfurts dauere nun schon zu lange an, keine Seite könne ihn noch gewinnen. Die Führer der Schoda Schwong und der Blundar Dongan schlugen vor, den Wettstreit zu vertagen und an einem anderen Zeitpunkt fortzusetzen. Bis dahin solle man auf die alte Grenze zurückgehen, die man jahrhundertelang eingehalten.
Viele schrien List und Verrat, doch der Fürst schloss einen Waffenstillstand für ein halbes Jahr und schon am nächsten Tage begannen die Orken aus dem Walde Lesskamens abzuziehen. Das war eine Freude unter den Menschen! Schlammbedeckte, ausgemergelte alte Kämpen lagen sich in den Armen und weinten vor Freude, denn das schier endlose Elend des Winters hatte selbst den zähesten Kampfesmut und den wildesten Hass auf die Schwarzpelze abgekühlt, und so wohl man sich auch bewusst war, dass aufgeschoben nicht aufgehoben ist, so herrschte doch eitel Freude unter den Menschen. Bald kamen die ersten Hirschfurter mit Booten zurück und begannen ihre Stadt wieder aufzubauen, die nun vom Fürsten mit Steinwällen schwer befestigt wurde. Die Granitzen bezogen ihre alten Kastelle an der Grenze und von den Orken war zunächst nichts mehr zu spüren. Nikolai aber eilte zurück nach Bjelograd, um seinen Thron zu sichern und seine Feinde, von denen sich einige nun offen gezeigt, zu bekämpfen.
Endlich zog auch der Frühling in Bjelawa ein und das Jahr 7517 seit Schöpfung der Welt versprach einen kurzen, aber friedlichen Sommer zu haben.
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