Der Zug des Hauptmannes Korossow
" nkel Witali, Onkel Witali!"
Atemlos hetzte der kleine Georgij die schlammige Dorfstraße herauf, einige Hühner wichen dem Jungen nur unter protestierendem Gegacker. "Onkel…"
"…ist ja gut, mein Kleiner, jetzt komm doch erstmal zu Atem."
Aus der niedrigen Kate trat, leicht gebeugt, die Schultern voran, ein bärtiger Mann in einem bjelawischen Hemd, der untergehenden Sonne entgegenblinzelnd. "Nun sag mal, Goscha, was rennst Du denn so? Ist der Fluss plötzlich ausgetrocknet? Hat die Sau Kälbchen bekommen?" Sich mit einem Lachen herabbeugend nahm er den heranstürmenden Jungen aus vollem Laufe auf den Arm und richtet sich jetzt erst zu seiner achtunggebietenden Größe auf. Ein wahrer Hüne, konnte er sicherlich in keiner der hölzernen Hütten des Dorfes aufrecht stehen. Georgij quittierte sein Geschnapptwerden mit einem unwilligen Strampeln: "Der Fluß! Kälbchen! Du sollst mich gefälligst ernst nehmen, Onkel Witali, ich bin jetzt schon fast sieben!"
"Ist ja gut, Goscha, nun sag doch mal, warum Du hier den Hühnern einen Schrecken einjagst, als ob der Leibhaftige hinter ihnen her sei!"
"Ein Schiff, Onkel Witali, unten am Fluss legt ein Schiff an!"
"Ein Schiff, soso. Etwa der fette Polikarpow mit seinem Kaufmannskahn?"
"Nein, nein, ein viel längeres und mit Männern mit Lanzen und Schwertern drauf und, und, … Dingern zum Steinewerfen!"
Das Gesicht des Hünen wurde mit einem Schlag ernst. "Bewaffnete? Das bedeutet nie etwas Gutes. Lauf zur Mutter und sag ihr, sie soll die Tür verrammeln! Schnell, lauf!! - Fjodor! Fjodor!! Faulpelz von einem Schweinehirten, lauf zum Popen, er soll die Glocke läuten!!! Dawaii!"
Den Kleinen behutsam auf den Boden stellend setzte sich Witali in Richtung des Flusses in Bewegung, mit einer wahren Löwenstimme Warnungen an die erschrockenen Dörfler rufend: "Holt die Kinder rein, versteckt Eure Töchter im Speicher, verrammelt die Türen!!"
An der kleinen Anlegestelle unterhalb des Weilers Konsensk herrschte derweil reges Treiben. Ein großes Schiff hatte angelegt und zahlreiche Männer in den Waffenröcken der Granitzen des Großfürsten versammelten sich bereits an Land.
Etwas abseits stand ein junger Mann in einer Offiziersuniform, das Treiben beobachtend und dann und wann Befehle erteilend. Er blickte dem sich nähernden Witali neugierig entgegen.
"Du dünkst mir gar sehr in Eile, Väterchen. Ist es wohl statthaft, sich erkundigen, welcher Umstand Dich zu solcher Hast veranlasst?"
"Ich… Dobrij Djen, Herr! Ich hörte von Eurer Ankunft und kam, um nachzusehen, wer… Ihr wisst, es sind unruhige Zeiten, Herr." Offensichtlich verwirrt machte Witali, dieser Baum von einem Mann, eine Pause, durch die auffallende Freundlichkeit und die gespreizte Ausdrucksweise des Offiziers verunsichert.
"Ihr wollt demgemäß doch nicht etwa andeuten, es hätte in dieser Liegenschaft Differenzen mit den Truppen seiner großfürstlichen Majestät gegeben?"
"Je nun… das Dorf wurde zweimal geplündert im letzten Jahr und alle wehrfähigen Männer verschleppt…"
"Mhm…" machte der Offizier, mit einem unangenehm berührten Gesichtsausdruck, schnell gewann die joviale Freundlichkeit jedoch wieder die Oberhand.
"Wiewohl es mich betrübt, von derlei Ungemach vernehmen zu müssen, so bedanke ich mich doch für Deine Offenheit, Bauer. Ich kann schlechterdings nicht umhin, Dich zu fragen, was Dich selbst vor der Verschleppung bewahrte – Du dünkst mir zweifelsohne mehr als wehrfähig." Mit einem leichten Grinsen nahm der Offizier die wachsende Beunruhigung Witalis zur Kenntnis - jedoch nur, bis jener beschloss, die Bemerkung für das zu nehmen was sie war, seinerseits zu grinsen begann und rundheraus antwortete: "Es ist nicht so, dass sie es nicht versucht hätten, Herr. Jedoch, nachdem ich vier von den Kerlen über den Zaun, zwei in den Hühnerstall und den Offizier mit seinem Pferd in den Schweinepfuhl geworfen hatte, gelang es mir, zu entkommen."
Nach einigen Sekunden der Stille begannen sowohl der Offizier als auch Witali schallend zu lachen.
"Weißt Du, Bauer, man sollte geneigt sein, Dich für einen Aufschneider zu halten, aber DIR glaube ich die Geschichte sogar. So einen Mann könnte ich wohl brauchen. Doch Männer, die gezwungen werden sind noch schlechter als Männer die gedungen werden und beide taugen niemals soviel wie Männer, die man für sich gewonnen hat. Du und dein Dorf mögen daher ruhig sein, wir wollen nichts als ein Nachtlager und etwas Proviant. Mein Name ist übrigens Hauptmann Iwan Danilowitsch Korossow, ich führe diese Männer gen Norden."
Mit einer Verbeugung stellte sich Witali ebenfalls vor: "Witali Doroschenko mein Name. Dies soll Euch werden Herr, wenn es Euch beliebt, so folgt dem Weg hinauf in unser Dorf Konsensk, ich werde derweil vorausgehen und Eure Ankunft vorbereiten."
"So sei es, Witali. Wenn ihr meinen Truppen eine Scheune als Nachlager bereiten könntet, soll dies gewisslich meine Zufriedenheit finden."
"Auf ein Wort Herr, bevor ich gehe?"
"Nur zu!"
"Ihr stammt aus Bjelograd, oder?"
"Durchaus, woher weißt Du…"
"Man hört es, Väterchen Hauptmann, man hört es."
Mit einem Lachen eilte Witali von dannen, dem Dorfe zu, während ihm der Offizier ihm verwirrt nachsah. "Man hört es - was gedenkt er denn damit zum Ausdruck zu bringen? "Eben jenen, Herr Hauptmann, den Ausdruck." Korossow fuhr herum, doch es war nicht ersichtlich, welcher seiner Männer den kecken Ausruf gewagt hatte.
"Noch mehr solche Reden und Ihr schlaft heute Nacht neben der Scheune, Ihr traurigen Faksimili von Soldaten. Und nun eilt und entladet das Schiff; jener Bauer da wäre allein schneller fertig als Ihr alle zusammen genommen!"
Nach kurzer Zeit legte das Schiff ab und entschwand auf dem Flusse in Richtung der Bjela. Die Granitzen, schwer bepackt mit allerlei Ausrüstungsgegenständen und Waffen, machten sich in Richtung des Dorfes auf, in welchem sie nunmehr vom Schulzen erwartet wurden, der den "Towarischtsch Golowa Korossow" mit unterwürfigster Freundlichkeit begrüßte. Junge Mädchen oder Wertgegenstände sah man nicht, selbst dem Hauptmanne wurde ein erfrischender Trunk nur in einem schartigen Holzbecher gereicht, wie um die Armut des Dorfes noch zu unterstreichen. Korossow konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich einige Dorfbewohner mutwillig Schmutz und Schlamm auf die Gesichter und Gewänder geschmiert hatten, um noch elender zu wirken. Bei dem Mahle, zu welchem für die Soldaten des Großfürsten immerhin ein Schwein geschlachtet wurde, suchte er anstatt mit dem allzu dienstfertigen und schmeichlerischen Schulzen das Gespräch mit Witali, dem bärtigen Riesen, der ihn bereits am Flusse empfangen hatte.
"Sag, Väterchen, ist Doroschenko nicht ein Kosakenname? Mich deucht, ich hörte ihn wohl das ein oder andere Mal – und das nicht unter allzu rühmlichen Umständen?"
Witali machte eine Bewegung als wolle er vom Sitze auffahren und sich auf den Offizier stürzen, doch es dauerte nur einen Augenblick bis er sich fing und Korossow starr in die Augen blickte.
"Doroschenko IST ein Kosakenname, Hauptmann. Es ist jedoch nicht an Euch zu entscheiden, ob er ruhmreich ist oder nicht."
Schneidend und mit einer Kälte, die man dem gutmütig wirkenden Riesen nicht zugetraut hätte, stieß er seine Worte hervor, worauf es am Tische still wurde, selbst das Klappern der Becher und Esswerkzeuge verstummte für einen Augenblick.
"Aber wenn Ihr es genau wissen wollt, Iwan Danilowitsch, so höret, das Pjotr Doroschenko mein Bruder war. Mein Bruder, den Ihr Bjelograder verfolgt und getötet habt für etwas, woran er keine Schuld trug. Mein Bruder, dessen Familie nach Jahren der Flucht endlich in diesem friedlichen Weiler Ruhe fand. Mein Bruder, dessen Erbe als Hetman ich ausschlug, um des Friedens mit Bjelograd willen. Und um des Lebens seines Sohnes willen. Doroschenko heiße ich, Hauptmann und ich trage diesen Namen mit einem Stolz, den mir kein Bjelograder Pack nehmen kann!"
Korossow war bei den Worten des Hünen sichtlich erblasst und hielt seinen Becher so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
"Mäßigt Euch, Väterchen! Mäßigt Euch und nehmt bitte Euren Platz wieder ein. Lasst mich versichern, dass ich kein Spion Bjelograds bin, dass ich weder Anteil noch Wissen von den Angelegenheiten Eures Bruders hatte. Und, das lasst Euch gesagt sein, dass mich Euer Wesen tausendmal mehr für Euch einnimmt als es alle Gerüchte aus den Gassen Bjelograds gegen Euch tun könnten. Lasst uns auf Euren Bruder trinken, ich bin sicher, er war ein wackerer Mann!"
Mit seiner offenen Rede und einer Miene, die voller Achtung angesichts Witalis Bitterkeit war, streckte er selbigem seinen gefüllten Becher entgegen. Des Offiziers freimütige Bekundung verfehlte seine entwaffnende Wirkung auf den Riesen nicht, er hieb seinen Becher gegen jenen Korossows, dass der Wodka schwappte.
"In Eurer Miene ist kein Falsch, Iwan Danilowitsch, Ihr dünkt mir ein Mann von Ehre. Ich mag mit Bjelograd in Fehde sein, doch bin ich es nicht mit Euch. Doch, wo wir nunmehr zu offenen Worten gefunden haben – sagt, was ist der Grund Eures Erscheinens? Ihr habt allerlei sonderbare Ausrüstung dabei…"
"Nun, der Grund für unsere Unternehmungen ist nicht zwangsläufig ein Geheimnis. Ich kann Euch insofern mitteilen, dass man in Bjelograd beunruhigt ist von Berichten und Gerüchten über Unruhen und Aufruhr. Ihr wisst selbst, dass nordöstlich von hier nicht viel mehr als Einöde ist, Taiga, die sich über hunderte von Meilen erstreckt. Umso verwunderlicher sind die Berichte. Mag dies allein mein Erscheinen noch nicht vollends rechtfertigen, so wisset, dass wir auch auf der Suche nach einer Person sind. Eine Expedition der Hohen Akademie zu Bjelhavn unter Führung der ehrwürdigen Erzmagistra Jolanthe von Sewerstal gilt als verschollen und wird in der nämlichen Gegend vermutet. Unsereins kann nur mutmaßen, ob da ein Zusammenhang besteht oder nicht."
"Magier, bäh!" Witali spuckte verächtlich auf den Boden und einige der Anwesenden machten das Zeichen der großen Mutter, um Böses von sich abzuwenden bei der Erwähnung jener unbeliebten Gelehrten aus dem fernen Westen des Landes.
"Nun haltet von Ihnen was Ihr wollt, jedenfalls hat die Akademie selbst eine Belohnung ausgesetzt, von nicht weniger als zehn Goldrubeln für denjenigen, der die Erzmagistra unversehrt nach Bjelhavn zurückzubringen vermag."
Wieder setzte das Klappern der Esswerkzeuge für einen Augenblick aus, als sich die Menge ehrfürchtig und mehr oder weniger erfolglos diese ungeheuerliche Summe Geldes vorzustellen versuchte.
"Wie dem auch sein, Witali. Ich habe Euch ein Angebot zu unterbreiten. Es gibt kaum verlässliche Karten von dem Lande, das vor uns liegt und keiner meiner Granitzen ist der Gegend kundig. Wollt Ihr mir als Führer und Späher bis zum Weiler Wolkowskoje dienen, so will ich mein Bestes tun und dafür sorgen dass der Name Doroschenko in Bjelograd wieder einen guten Klang hat. Ich wage es nicht, einem Recken wie Euch schnöden Mammon als Lohn zu bieten, doch bin ich gewillt, für die Zeit Eurer Abwesenheit Eurer Familie diesen Beutel lauteren Silbers zum Unterhalte zu gewähren."
Nachdenklich schüttelte Witali den Kopf.
"Ich habe geschworen, dafür zu sorgen, dass meines Bruders Weib und Kind kein Unheil zustoßen soll, solange Witali Doroschenko noch zu atmen vermag. Konsensk ist ein friedlicher Ort – wenn nicht gerade des Großfürsten Truppen plündern. Wer garantiert mir also für ihre Sicherheit, wenn ich mit Euch ziehe?"
Korossow hob eine Braue. Das war immerhin kein kategorisches Nein; dem Kosaken war die Abenteuerlust unschwer von den Augen abzulesen. Glücklich war er mit dem Eide, der ihn an dieses armselige Dorf band, sicher nicht.
"Hört, Witali. Wie könntet Ihr Euren Schutzbefohlenen besser dienen als wenn Ihr mit mir jenseits bewohnten Landes nach dem Rechten seht, um kommendes Unheil abzuwenden?"
Er zögerte einem Augenblick, dann sprach er erneut.
"Bedenkt, dass Ihr auch dem Namen Eures Bruders verpflichtet seid. Ich weiß nicht warum ich Euch derart vertraue, doch in bin bereit so weit zu gehen, dass ich zwei meiner Männer zum Schutz des Dorfes zurücklasse, wenn Ihr mit mir geht."
"Hauptmann Korossow, unter diesen Umständen nehme ich an." Witali hob ernsten Gesichtes seinen Becher, konnte seine Vorfreude jedoch nur schwer verbergen.
"Es ist noch sehr weit bis Wolkowskoje und die Wege sind schlecht. Ich werde Eure Männer und Euch führen. Auch hier im Dorfe hörten wir schon von Flüchtlingen und Unruhen auf weit entfernten Gehöften, doch wissen wir nichts aus erster Hand, noch langte einer derselben hier an. Verschaffen wir uns also Gewissheit."
Am nächsten Morgen, so mancher erhob sich soeben mit schwerem Kopf, trat Witali aus der Hütte und verabschiedete sich von dem kleinen Georgij, der vergeblich bis zum letzten Augenblick versuchte, ihn dahingehend umzustimmen, dass er mitreisen dürfe. Der Hüne hatte seinen Schädel nunmehr nach der Art der Kosaken rasiert, eine einzelne lange Locke hing ihm von der Kopfmitte seitlich über das Ohr. Er trug ein bjelawisches Hemd, dunkelbraune Pluderhosen und einen Gürtel, an welchem ein gewaltiger Krummsäbel hing. Einige der Granitzen, die sich soeben an der Viehtränke wuschen, erblassten, als sie seiner ansichtig wurden.
"Ah, da seid Ihr ja, und wie ich sehe, jeder Zoll ein Hetman." grinste Korossow, als er aus der Scheune trat, das Gesicht beim ersten Zusammentreffen mit der hellen Morgensonne schmerzlich verziehend. "Was in aller Welt mischt Ihr in Euren Wodka? Mein armer Kopf."
Doroschenko grinste, geschmeichelt ob der Anrede und hob grüßend die Hand. "Ich bin bereit, Hauptmann."
Bald darauf waren die Granitzen zum Abmarsche fertig, beladen mit den zahlreichen Kisten und Säcken ihrer Ausrüstung vom Schiffe.
"Buljanow, Iranow! Vortreten, ihr übernehmt den Schutz des Dorfes. Errichtet einen Beobachtungsturm und sorgt dafür, dass etwaige Nachrichten an uns weitergeleitet werden. Sergeant Rasinin, setzt die andern in Marsch!"
Und so setzte sich der Zug des Hauptmannes Korossow gen Norden in Bewegung, den Offizier und Witali Doroschenko an der Spitze. Lange noch sahen ihnen die Dorfbewohner nach – die Große Mutter allein mochte wissen, was sie dort draußen erwartete. Korossow aber machte ein zufriedenes Gesicht, er hatte zwei gedungene Männer zurückgelassen, aber er nahm statt ihrer einen mit, den er für sich gewonnen hatte.
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