ie flüssiges Metall glitzerten die Fluten der gewaltigen Bjela inmitten der vom Lichte einer staubigen Abendsonne kupferrot getränkten Steppe. Den Wogen des Meeres gleichend wellten sich die flachen Höhenzüge des Landes, als Schaumkronen die windbewegten Gräser auf ihren Rücken tragend. Ganz trunken von dem Anblicke gewahrte ich die Boote nicht, die sich unserm Handelsschiffe von der andern Seite des Flußes näherten, der hier in seiner ausgedehnten Biege das Land der Kosaken streift. Erst das Gezeter Fjodor Polikarpows riß mich aus meiner Träumerei. Der Bjelhavener Kaufmann, auf dessen Schiff ich reiste, fürchtete mit Recht erneut um sein Hab und Gut. "Beim großen Mütterchen, womit habe ich das verdient. Das elende Banditenpack raubt und plündert ohne Maß! Dass sie alle der Teufel hole!"
Noch während Fjodor Jewgenjewitsch die zögerlichen Bootsleute antrieb, Widerstand zu leisten, erreichten uns die ersten Boote. Wurfanker und lange Enterhaken krallten sich in die hölzerne Bordwand und unter lautem Hurra erklommen fremdertige wilde Gestalten unser Schiff. Ich zog mich unversehens zum erhöhten Achterdecke zurück, zog meinen Säbel und hielt mich bereit. Doch zu einem Kampfe kam es gar nicht erst. Die zahlenmäßig weit überlegenen Kosaken drängten die Bootsleute auf dem Vorderdeck zusdammen. Ein Hüne mit kahlem Schädel und der traditionellen Stirnlocke rief mit einer wahren Donnerstimme um Ruhe und fragte in die Runde, wer Eigner dieses Kaufmannsschiffes sei. "Fjodor Jewgenjewitsch Polikarpow, Herr." "Der alte Polikarpow, sieh mal an, hähähä. Bei dem waren wir doch letzten Monat erst zu Gast. Heh! Fjodor Jewgenjewitsch, wo seid Ihr?! Ist er etwa gar nicht an Bord, der alte Krämer?" Mir fiel auf, dass das Zetern Polikarpows vor einiger Zeit jäh aufgehört hatte. War er etwa in dem Durcheinander über Bord gegangen? Inzwischen hatten die Kosaken auch das Achterdeck besetzt und ein ungewaschener Bursche mit speckigem Hemd und einer verblichenen blauen Schärpe um den Leib baute sich vor mir auf. "Her mit der Waffe, Du Wicht!", herrschte er mich an. "Wenn Du meine Waffe willst, dann musst Du sie Dir schon selbst nehmen.", entgegnete ich. "Hört, hört! Ein mutiger Bjelawe! Ich werd dir deinen Wanst aufschlitzen, damit sich die Fische an Deinen Eingeweiden laben können!" Mit diesen Worten drang er mit hoch erhobenem Säbel auf mich ein. Ich duckte michblitzschnell, drehte meinen Säbel um und hieb ihm den eisernen Knauf mit aller Kraft unter die Rippen. Nach Luft japsend krümmte er sich zusammen und fiel zu Boden, wo er im nächsten Augenblick meine Säbelspitze an der Kehle spürte. Im selben Moment zeigte wohl ein halbes Dutzend Armbrüste und zweimal soviele Säbelspitzen auf mich. Der hünenhafte Anführer der Bande kam nun zum Achterdeck.
"Was ist hier los? Willst Du uns Ärger machen, Fremder?!"
"Ich bin nur ein Reisender auf diesem Schiff. Ich besitze nichts, das Euch nützen könnte. Eure und Polikarpows Händel gehen mich nichts an, doch wer mich beleidigt, der muss den Preis zahlen." Der Kosak wand sich unter meinem Fuß. "Hetmann, das Schwein hier..."
"Schnauze Kolja! Paß das nächste Mal besser auf mit wem Du Dich anlegst!"
"Und Du Fremder, steck Deinen Säbel ein und lass meinen Mann gehen! Wir werden Dich behandeln, wie es einem Manne mit Mut zusteht. Doch sag mir, wo ist mein Freund Polikarpow? War er nicht an Bord?"
"Nun er war an Bord, bis Ihr das Schiff entertet, danach sah ich ihn nicht mehr."
"Ha, also muss er noch da sein. Der springt doch nicht ins Wasser, der feige Hund, höhöhö! Los! Sucht das gute Väterchen Polikarpow, Freunde. Dreht jeden Nagel um - wir wollen doch Tee mit ihm trinken, dem guten Fjodor Jewgenjewitsch - seinen Tee, hahahaha." Unter wüstem Gejohle und Gelächter machte sich nun die Meute der Kosaken daran, das gesamte Schiff zu durchsuchen. Meine ganze Habe ruhte in den Satteltaschen, die ich hinter mir auf dem Deck liegen hatte, so dass ich dem Spektakel unbeteiligt zusah. Die verängstigte Mannschaft wagte nicht, etwas zu unternehmen. Schließlich trugen 3 Kosaken ein Faß aus dem Laderaum, welches sie vor dem Hetmann hin und her rollten und schüttelten. "Führwahr," brummte dieser, als leise Wehlaute aus dem Fasse drangen, "ich hab Bier noch nie schreien hören." Mit einer Schiffsaxt hieb er auf den Deckel und mit einem lauten Angstschrei kam, wie von einer Sprungfeder emporgeschnellt - Fjodor Polikarpow! In das ohrenbetäubende Gelächter der Kosakenmeute mischte sich sofort wieder dessen Gezeter. "Ihr elenden Unholde, habt Ihr mich noch nicht genug geschröpft?! Ihr bringt mich noch an den Bettelstab! Der Großfürst wird Euch alle vernichten, Ihr -"
"Nun halt mal die Luft an, Fedja! Wir sind doch Freunde, oder etwa nicht? Seit fast zwanzig Jahren rauben wir Dich schon aus - hast Du Dich denn noch immer nicht dran gewöhnt? Glaub mir, wo immer wir auch hinkommen, wir rühmen die Qualität Deiner Waren und Deine Großzügigkeit auf das allerhöchste. Und wir sind auch keine Unmenschen und nehmen diesmal nur das gute Bjelhavner Bier und etwas Salz mit. Die Stoffballen und den übrigen Plunder kannst Du behalten. Ist das nicht ein Angebot, Fjodor Jewgenjewitsch." Vor Freude strahlend ob seiner eigenwilligen Großzügigkeit, streckte der Riese dem Kaufmann die Pranke zum Handschlag hin. "Nun komm schon, Väterchen, schlag ein und wir krümmen keinem hier ein Haar!" Widerwillig und auf das lauter werdende Murren seiner Mannschaft hin schlug der Kaufmann schließlich unter dem Gelächter der Kosaken ein. "Der Großfürst soll es erfahren und diesmal wird er es nicht durchgehen lassen!"
"Höhöhö, Bjelawa ist groß und Väterchen Großfürst ist weit. Der hat andere Sorgen, als Dir kleinem Krämer beizustehen."
In Windeseile beluden die Kosaken ihre wendigen Boote mit den Bierfässern und einigen Säckchen besten Salzes. Der Kaufmann, dem bei diesem Anblicke das Herz bluten musste, stand still und mit geballten Fäusten dabei. Nach einer Viertelstunden verließen die Kosaken unter fröhlichen Abschiedsrufen das Schiff. "Meine Empfehlung an das Väterchen Großfürst, höhöhö!" brüllte der Hetmann beim Ablegen und ebenso schnell wie sie gekommen waren, verschwanden die Kosaken wieder.
"Was steht Ihr hier noch rum! Bringt den Kahn auf Kurs!", herrschte der Kaufmann seine Mannschaft an und begab sich dann mißgelaunt in seine Kajüte.
So schnell war alles gegangen, dass ich, die im Lichte der sinkenden Sonne rotglühende Steppe betrachend, mich unwillkürlich fragte, ob es nicht am Ende nur ein Tagtraum gewesen sei...
(Kara ben Yngerimm, Durchs wilde Feld)
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