I Bjelawa I
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ar weit bin ich gewandert, viele Länder hab ich gesehen und die Menschen daselbst kennengelernt. Tapfere Völker hab ich getroffen und welche, die wie scheues Wild die Gefahr flohen. Fleißige Arbeiter und Händler, wilde Barbaren und Seeräuber und in jedem Volke von jedem ein bisschen. Doch ich kenne keinen, der so war wie Wladimir, der Bjelauer, mit dem ich einige Jahre die Welt bereist und seltsame Abenteuer erlebt hab.
Wolodja, wie ihn seine Freunde nannten, war ein wahrer Hüne. Er maß wohl an die zwei Schritt und nannte sich selbst einen Bogatyr, einen Recken oder Krieger. Aufgewachsen im Grenzland, tötete er bereits mit 9 Jahren seinen ersten Ork. Seine Eltern waren Bauern, wie die meisten Bjelawen und von ihnen hatte er seine Philosophie:
"Als die große Mutter ihre Gaben verteilte, bedachte sie die Stamväter aller Völker mit reichen Geschenken. Großem Reichtum, fruchtbarem Land, Gebirge voller Gold, die schönsten Frauen aller Länder und vieler anderer Dinge.
Dem Bjelawen gab sie nichts von alledem, sondern schenkte ihm einen Teil ihrer Seele. Als die anderen sich brüsteten und mit ihren wertvollen Geschenken prahlten, machten sie sich über den Bjelawen lustig. "Du bist nur erschaffen worden, damit wir etwas zu lachen haben." sagten sie.
Traurig ging er zur großen Mutter und beklagte sich über die ungerechte Gabe.
Doch die große Mutter sprach: "Du bist mein liebstes Kind. Du verehrst als einziger, was mir heilig ist. Siehe, ich gab den andern Schönheit, Reichtum und anderen Tand. Was sie damit anfangen, ist ihre Sache, es kann ihr Glück oder Unglück sein. Dir gab ich einen Teil meiner Seele - ich gab Dir die Kraft, alles zu ertragen und dieses Geschenk wird dir immer bleiben - Du wirst niemals untergehen!"
Da freute sich der Bjelawe und als die andern prassten und ausgelassen feierten, ging er still und zufrieden heim."
So sprach mein Freund Wolodja, und erklärte damit so manche der Eigenschaften, die ich an ihm insgeheim bewunderte. Die oberflächliche Freundlichkeit der Völker des Westens war ihm zuwider, doch wen er einmal Freund nannte, der wusste, dass er ewig auf ihn zählen konnte.
Ein großes Kind war der Bjelawe und oft habe ich das Auge unseres wackersten Kämpfers feucht gesehen, wenn er der gefallenenen Gefährten gedachte.
Und in den Stunden der größten Not, wenn wir Mittelländer alle Hoffnung fahren ließen, wenn unser Arm zu schwach war, das Schwert zu heben, wenn wir dem Sensenmann ins Auge blickten - dann stand Wolodja auf, nahm einen Schluck aus dem kleinen Fläschchen, das er stets bei sich trug und sagte: "Wovor chabt Ihr Angst? Vielleicht sterben wir jetzt - vielleicht auch nicht... Bleibt hinter mir, ich will's erproben!" In den dunkelsten Augenblicken flackerte sein Lebensfunke am hellsten und gab uns allen neue Kraft.
Wie er lebte, so starb er. Ich werde nie vergessen, wie ich ihn zu letzten Male sah. In der linken die Flasche, in der rechten die Axt. Aus unzählichen Wunden blutend, verteidigte er die schmale Klamm gegen Dutzende der widernatürlichen Geschöfe des Schwarzmagiers Thetin. Wir übrigen gewannen genug Zeit zur Flucht, ihn jedoch sahen wir niemals wieder.
Leb wohl, Wolodja! Wir alle stehen in Deiner Schuld - wenn Dein Land, das Du so liebtest und verkörpertest, jemals Hilfe braucht, werden wir sie abzutragen suchen.

Rafik ben Surachal
Abenteurer und Hauptmann des Söldnerhaufens "Blaue Tiger"